Lokale Spezialitäten: Ob nun Detscher, Tätscher oder Klitscher – Hauptsache, es schmeckt​.

Betrachtungen zur mundartlichen Schreibweise der Thüringer Kostlichkeit von Dr. Frank Reinhold, Mitarbeiter am Thüringischen Wörterbuch ​Greiz.

Erfreulich ist es zu lesen, wenn es im Zeitalter der Europäisierung und Globalisierung – deren Notwendigkeiten und Vorteile hier nicht bestritten worden sollen – noch Menschen gibt, die sich an regionale Traditionen erinnern.​Als jemand, der berufs- und hobbymäßig mit Mundart und Territorialgeschichte verbunden ist, kann ich es nur begrüßen, wenn sich der Neustädter Axel Geyer „Thüringer Tradition im Trend“ verschrieben hat und, wie die OTZ am 10. August 2001 auf der Greizer Lokalseite berichtete, der „gebürtige Nordländer“ Martin Droysen Geyers Thüringer „Detscher“ in Greiz anbietet.​

Bei der Schreibweise mundartlicher Ausdrücke scheiden sich bekanntlich die Geister. Der sechste Band des großen „Thüringischen Wörterbuch“, das seit 1966 im Berliner Akademie-Verlag in Lieferungen erscheint und Ende 2005 mit sechs dickformatigen Bänden abgeschlossen vorliegen soll, hat dieses Gebäck unter dem Stichwort „Tätscher“ erfasst.​Ein „Tätscher“ (Variante „Taischer“) ist zunächst ein (leichter) Schlag, im Kreis Eisenach und um Rudolstadt sowie in Sonneberg bezeichnet das Wort eine Abfuhr oder einen Tadel.​Auch kann es einen Fehler oder einen Makel benennen (so im Kreis Neuhaus).​In verschiedenen Gebieten Thüringens benennt das Wort eine Spielkugel (Murmel), im Kreis Bernburg, der im „Thüringischen Wörterbuch“ mit erfasst ist, bedeutet der Ausdruck „einen Tatscher schmeißen“ einen Stein über das Wasser springen zu lassen.​Weiterhin benennt man mit „Tätscher“ scherzhaft einen flachen Hut (Kreis Ilmenau) und eine Glatze (Suhl); auch Kinder werden nockend „Tatscher“ benannt. Im Kreis Hildburghausen tritt das Wort in der Bedeutung „Erket“ auf Weshalb im Kreis Ilmenau ein rot und schwarz gefärbtes Insekt so heißt, entzieht sich meiner Kenntnis.​Die dritte von insgesamt acht, teilweise mit Unterpunkten um im „Thüringischen Wörterbuch“ erfasste Bedeutung ist nun jene hier besonders interessierende und köstliche. Sie wird allgemein mit „flaches, maist einfaches Backwerk“ wiedergegeben.

Dabei kann ein „Tätscher“ im einzelnen sein: a) ein Kartoffelpuffer aus rohen, geriebenen Kartoffeln (belegt u. a. im Kreis Lobenstein), b) ein in der Bratenpfanne gebackener Teig aus geriebenen rohen Kartoffeln, oft mit Rahm bestrichen oder mit Früchten belegt (vor allem im Hennebergischen Raum und um Sonneberg), a) ein in der Ofenröhre oder auf der Herdplatte gebackener Fladen aus gekochten Kartoffeln und etwas Mehl, auch „Köhrentätscher“ genannt (zum Beispiel um Lobenstein, Zeulenroda und Schleiz), d) ein aus gekochten Kartoffeln und Mehl bereiteter Kartoffelkuchen (wiederum vor allem im Hennebergischen), e) ein Recher Ballenkloß aus gekochten Kartoffeln (um Neuhaus, Ilmenau, Stadtroda, Rudolstadt, Saalfeld, auch um Lobenstein), f) ein in Fett gebackenes kleines Kartoffelballchen (Kreise Ilmenau und Hildburghausen), g) ein Fladen aus Brotteig (um Sangerhausen, Ilmenau, Rudolstadt und Hildburghausen), h) ein einfaches, mit Mehl und ohne Triebmittel bereitetes flaches Gebäck (u. a. in Hundhaupten bei Gera), i) ein Blarkuchen (im Kreis Jena), auch „Eiertätscher“ benannt, und k) ein Gebäck aus Blätterteig, auch „Blättertätscher“ – ein im 18. Jahrhundert im Hennebergischen gebräuchlicher Ausdruck.​

Schließlich bedeutet das Wort, u. a. in Pößneck und um Rudolstadt, auch ein nicht geratenes, schliffiges Backwerk. Letzteres trifft für die Greiz-Neustädter „Detscher“ sicher nicht zu.​ Die Gemeinsamkeit all der oben unter a bis k aufgeführten Spezialitäten besteht darin, dass sie, zumindest ursprünglich, mit der Hand „getätscht“, also flach geschlagen worden; die gleiche Motivation verrät übrigens der Begriff „Klitscher“ – so kenne ich aus Obergeißendorf „Quarkklitscher“ als köstliche Speise. Was die Greizer „Detscher“ nun genau sind, kann der geneigte Leser ja selbst feststellen.​Der Freude über die regionale Speise mit die Schreibweise, ob nun „Detscher“ oder „Tätscher“, sicher keinen Abbruch.​Nicht verständlich ist mit allerdings, weshalb ein Geschäft, der eine regionale Spezialität anbietet, einen englischen Namen tragen nntes.​„Boysens süße Ecke“ hätte es doch auch getan, zumal dann vielleicht auch ältere Menschen wüssten, was sie dort an Köstlichem erwartet.​Für Liebhaber der Anglismen hätte ich allerränge dann doch noch einen unterstützenden Vorschlag:​Vielleicht zollte man die thüringische Spezialität „Thatcher“ nennen.​

Anmerkung: Der Verfasser dieser Zeilen ist unter anderem ausgebildeter Englischlehrer, also kaum verdächtig, ein Feind des Englischen zu sein.

Quelle: OTZ 2001/ KS

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