Vom alten Chausseehaus an der Zeulenrodaer Straße
Das kleine, alte Chausseehaus am Eingang der Zeulenrodaer Straße, mit dem Schlagbaum davor. Die Stadtväter bemühten sich, enge und unübersichtliche Stellen an den Hauptverkehrsstraßen (zum Beispiel auch in der Carolinenstraße) der Stadt zu beseitigen. Um den Straßenverkehr reibungsloser zu ermöglichen, schuf die Stadtverwaltung bereits zu Beginn der 1930er Jahre mit der Umleitung des Quirlbaches Voraussetzungen für eine Verbreiterung der Zeulenrodaer Straße, die dem steigenden Straßenverkehr besonders an ihrem Eingang mit der gefährlichen Kurve in Nähe der Waldstraße kaum mehr genügte.

Im Zuge der Veränderung musste 1934 schließlich auch das dort stehende, bereits recht baufällige sogenannte „Chausseehaus“ dem Verkehr weichen und abgebrochen werden. Dieses unscheinbare Gebäude weckte Erinnerungen an jene längst vergangenen Zeiten, als noch Pferdefuhrwerke und Kutschen durch die Stadt rollten und die Personen und Wagenbeförderung noch nicht oder erst in geringem Umfang durch Eisenbahn und Benzinmotor erfolgte.
Hochbetrieb gab es dazumal am Chausseehaus besonders an jenen Tagen, als der Verkehr zwischen der Stadt und dem Land schlagartig anstieg. Also an den Wochen-, Jahr-, Getreide- oder Viehmärkten und zum sogenannten ,,Vogelschießen“ (Foto folgt…😉). Dann rollten die landwirtschaftlichen Produkte zur Stadt und zu den Kolonialwarengeschäften von Greiz, Städtischen Fabriken, auf das Land, in die benachbarten Kleinstaaten, oder ostwärts ins Sächsische. Wenn ein Pferde oder Ochsengespann vom Lande in die Stadt fuhr, musste alle Geschirrführer am Chausseehaus halten und das nach einem bestimmter Tarif festgesetzte Wegegeld bezahlen. Entweder stieg er dabei die wenigen Holzstufen beim Haus hinauf , um am Schiebefensterchen gegen Quittung seinen Zoll zu entrichten, oder er blieb zur beiderseitigen Bequemlichkeit auf seinem Bock sitzen. In diesem Fall reichte der Chausseeeinnehmer auf einer langen Stange dem mit einem am Ende angebrachten kleinen Zahlteller dem Kutscher den Quittungszettel hin, um dann die Stange mit dem darauf liegenden Obulus zurückzuziehen. Das war in jener Zeit, als Hartgeld in Kupfer, Nickel oder Silber in kleiner Münze als Zahlungsmittel im Verkehr, Papiergeld aber noch unbekannt war.
Der Schlagbaum als gebieterisches Stoppzeichen verschwand an der Zeulenrodaer Straße erst nach Ende des Ersten Weltkrieges. Im Kellerraum des Häuschens hatte man dann Fischkästen eingerichtet und es wies noch nach dem Krieg die in Greiz nicht mehr vorhandene Rechtsinstitution des sogenannten „Stockwerkeigentums“ auf. Das heißt, dass das Erdgeschoß im Besitz des damaligen Fürstlichen Dominicums war, also Grundbesitz der Greizer Herrschaft. Das Stockwerk dagegen dem Staatsfiskus Reuß ältere Linie angehörte, also quasi Staatseigentum war.
Der letzte Wegegeldeinnehmer in diesem alten Chausseehaus hier war Karl Agthe, der seine Tätigkeit bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg ausübte und auch danach mit seiner Familie bis zu seinem Tode um das Jahr 1927 darin wohnte. Seitdem aber stand das Gebäude leer und verfiel von Jahr zu Jahr mehr. Einige auf dem bemoosten Dach grünende Birkenbäumchen ließen erstaunte Passanten oft verweilen und ihr Blicke dorthin wenden, wo sich solches ,,neues Leben“ auf dem verfallendem Gemäuer regte. Mit Abbruch des alten Zollhäuschens (1934) beim Aufgang zur Waldstraße, mit der Umleitung des unteren Quirlbaches, dem späteren Fallen der alten Linden und Kastanien am Straßenrand und der anschließend durchgeführten Beseitigung der gefährlichen, unübersichtlichen Kurveneinmündung in die heutige ,,Bruno-Bergner- Straße“ beim einstmaligen Restaurant ,,Zum alten Schießstand“ (der späteren Kaufmännischen Berufsschule, die dann ebenfalls abgebrochen wurde) erfuhr diese Fernverkehrsstraße eine wesentliche Verbreiterung Auch wenn dadurch manch idyllischer Winkel hier wie anderswo, manches Altüberlieferte in Interesse der Verkehrssicherheit verschwinden musste.
Ein zweites Chausseehaus im heutigen Greizer Stadtgebiet war das an der Straßengabelung Reichenbacher Straße / Werdauer Straße in Aubachtal stehende kleine Gebäude, im Volksmund kurz „Einnahme“ genannt. Es diente in den 1930er Jahren vorübergehend als Polizeistation und später als Mütterberatungsstelle, bevor es Mitte der 2020-er Jahr nach einem Brand abgerissen werden musste. Seitwärts stand noch bis zu Beginn des Ersten Weltkrieges die mit den reußischen Landesfarben versehene Gebührentafel, auf der die Gebührensätze vom Reiter bis zum Hundegeschirr oder beladenen Doppelgespann verzeichnet waren. Die Sätze betrugen zwischen 5 und 20 Pfennig je Fahrt .
Weitere Greizer Wegezollhäuser befanden sich einstmals auf der Siebenhitze nahe der Hirschsteingasse, in der heutigen Carolinenstraße (beim Haus des damaligen Landbaumeisters Herold in der Nr. 50) und bei der ehemaligen Villa Oelßner, einem früher viel besuchten Gartenlokal mit ,,Glassalon“ am Ausgang der gleichen Straße. Bei einer so lückenlosen Sicherung der Zufahrtswege zum Stadtgebiet blieb, so darf man schon sagen, fast kein „Mäuseloch“ mehr offen. So das es Zollpflichtigen fast unmöglich war, dem Wegezoll aus dem Weg zu gehen.
Selbst nach Erbauung der oberen „Eisernen Elsterbrücke“, dem früheren „Angersteg“ (der heutigen Friedensbrücke“) im Jahr 1859 mussten Geschirrführer einen Brückenzoll entrichten. Solche vereinnahmten Chaussee- oder Brückengelder wurden meist zum Unterhaltung von Straßen, aber vorher auch zur Füllung der ,,Hofkassen“ verwendet. Sie deckten jedoch nur einen recht geringen Teil der Straßenunterhaltungskosten und entfielen im Greizer Land erst am 30. Juni 1919.
Den Straßenbenutzungszoll kannte man damals in fast allen deutschen Kleinstaaten, so auch im benachbarten ehemaligen Reuß jüngere Linie, wo sich um 1870 der jährliche Reinertrag nach Abzug aller Erhebungskosten auf rund 15.200 Taler belief, während der regelmäßige Unterhaltungsaufwand für Straßen die Summe von fast 27.000 Talern ausmachte.
Rudolf Schramm / Forschungen aus dem Jahr 1973
(Text zeitgemäß bearbeitet…Irrt. Vorb.)


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