Aleister Crowley- Der Weltheiland von Hohenölsen

(TK) Wer heute die Straße von Hohenleuben nach Hohenölsen befährt, der überquert- zumeist ohne es zu bemerken- in der Senke das Flüsschen Leuba. Und während sich rechterhand die Staumauer der Leubatalsperre erhebt, befindet sich zur Linken, eingerahmt von alten Bäumen, ein schönes, aber recht unscheinbares Fachwerkhaus.

Schon lange der Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich, befand sich hier einst ein Gasthof mit dem, wie sich gleich zeigen wird, passenden Namen „Torheit“, und nichts von alledem wäre heute noch einer Erwähnung wert, wäre hier nicht vor einhundert Jahren beinahe Weltgeschichte geschrieben worden.
In diesem Haus nämlich fand 1925 die „Weida- Konferenz“ statt, ein internationaler Okkultisten- Kongress, auf dem der seinerzeit berühmt- berüchtigte Aleister Crowley zu nichts weniger als zum „Weltheiland“ ausgerufen werden sollte! Allerdings gerieten seine Jünger und Anhänger noch während des Treffens aneinander, spalteten sich in verschiedene Gruppen auf und fuhren schließlich ohne Heiland wieder nach Hause. Bemerkenswert dabei ist, dass Crowley, ein gebürtiger Engländer, sich auch höchst selbst auf den Weg in diesen abgelegenen Winkel des Thüringer Vogtlandes gemacht hat. Denn während er bei uns weitestgehend vergessen ist, war und ist er international durchaus eine Berühmtheit mit spektakulärem Lebenslauf.

Geboren 1875 in England, betätigte sich Aleister Crowley mal nacheinander, mal gleichzeitig als Autor, Satanist, Okkultist, Sex- Magier, Agent des britischen Geheimdienstes und Extrembergsteiger, wobei er in letzterer Eigenschaft u.a. die beiden Achttausender „K2“ und „Kangchendzönga“ in Angriff nahm. Und wenn er auch in keinem der beiden Fälle den Gipfel erreichte, so setzte er doch mit seinen Aktionen Maßstäbe und stellte zudem auch ein Höhenrekord der damaligen Zeit auf. Fünfzig Jahre vor den erfolgreichen Himalaya- Erstbesteigungen wohlgemerkt! Auf der anderen Seite wurde er von seiner Mutter als Bestie und von einer britischen Zeitung als der böseste Mensch der Welt bezeichnet, doch da weder die eine noch die andere wirklich als seriös einzustufen ist, sollte man diese Zuschreibungen nicht zu ernst nehmen. Eher trifft wohl die Charakterisierung  „Spinner“ zu, mit der Crowley von anderen Menschen, die ihm nahestanden, betitelt wurde.

Der zweite Weltkrieg brachte Europa bekanntlich handfestere Probleme ein als Okkultismus und Weltheilands- Krönungen, und so geriet der abgefahrene Tausendsassa auf seine alten Tage schnell in Vergessenheit und starb schließlich 1947, unbeachtet und verarmt. Doch schon 20 Jahre später- die meisten Kriegsfolgen waren beseitigt und viele  Menschen in Westeuropa hatten wieder Zeit und Langeweile- wurden Crowley und sein esoterischer Kosmos durch die LSD- selige, sinnsuchende Jugendkultur der späten sechziger Jahre wiederentdeckt.

Höhepunkt seines posthumen Daseins war zweifellos der Umstand, dass er es auf das Cover des Beatles- Albums „Sgt. Pepper“ schaffte, gemeinsam mit vielen anderen, mehr oder weniger berühmten Gestalten (letzte Reihe, 2. von links). Und diese Platte wird von manchen immerhin als das einflussreichste Album der Pop- Geschichte bezeichnet! Daneben soll sein inzwischen mehrfach abgebranntes und wieder aufgebautes Anwesen in Schottland, in dem es selbstverständlich spukt, zwischendurch auch mal von dem faszinierten Led Zeppelin- Gitarrist Jimmy Page erworben worden sein.

Ob der verstorbene, einstige Beinahe- Weltheiland auch hier, im Leubatal, gelegentlich in mondlosen Nächten herumgeistert, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Zu vermuten ist es aber natürlich schon, und vielleicht kann sich mal jemand der Sache annehmen, irgendwie. Und sei es nur aus touristischen Gründen. Ich bin mir sicher, Aleister Crowley selbst hätte das gefallen.